Erbaut 1578, im Erdgeschoss befand sich eine Gefängniszelle. Die Fenstergitter sind noch heute vorhanden. Neubau 1753. 1850 Türmle mit Rathausglocke und 1862 Umbau, das Gebäude wurde verlängert. Unten Feuerwehrmagazin - heute Bücherei.
Exkurs Gefängnis Rielingshausen
Zusammengestellt von Albrecht Gühring
Der Kirchenkonvent war 1642 vor allem zur Hebung der sittlichen und moralischen Zustände und zur Überwachung des Gottesdienstbesuches eingeführt worden. Ihm gehörten der Pfarrer, der Schultheißen
und zwei Gerichtsverwandte an. Das Urteil, mitunter auch Gefängnisstrafen, sprach im Regelfall der Schultheiß, in Vertretung aber auch der Pfarrer. 1671 verurteilte Pfarrer Brastberger drei
Gerichtsverwandte zu Gefängnisstrafen. Am 15. Sptember 1687 wurde ein solches Vogtgericht in Rielingshausen abgehalten. Dabei wurden außer dem Pfarrer alle Bürger und ledigen Buschen nach ihren
Klagen befragt. Der Pfarrer bemängelte, daß die Trunkenheit überhand nehme, weil der Wein dazu ziemlich Anlaß gebe. Auch Schultheiß und Richter bezeugten, daß deswegen ständig jemand „ins Häußlin
gesteckt werde“, womit wohl eine Arrestzelle
im Rathaus gemeint war. 1714 durfte der Küfer Hans Jakob Schnepple erst heiraten, nachdem er eine
Turmstrafe wegen frühen Beischlafs verbüßt hatte. Für schwere Vergehen, zu deren Buße die Gefängisstube im Rathaus nicht ausreichte, wurden die Gefangenen nach Marbach gebracht. Dort befanden
sich 1814 drei Kriminal- und zwei Zivilgefängnisse. Im Rathaus war 1830 kein heizbarer Gefängnisraum. Man benutzte im Bedarfsfall einen Teil der Küche und „cloac“. Für die Gefangenen wurde 1846
ein hölzernes Gestell mit irdenem Hafen als Nachtstuhl beschafft. 1863/64 wurde das Rathaus für rund 400 fl umgebaut. Dabei wurde der auf abgefaulten hölzernen Stützen stehende östliche Giebel
ganz mit Stein gemauert. Zugleich wurden neue Fenster in die Ratsstube eingebaut. Während des Umbaus bezog die Verwaltung eine Stube bei Rößleswirt Schwaderer. Im Erdgeschoß blieb das Spritzen-
und Holzmagazin. Dort war jetzt auch anstelle der hölzernen Außentreppe ein Öhrn mit Eingang und Treppe untergebracht. Die bisherige Ratsstube samt Arrestlokal wurde zu zwei gleichen Amts- und
Schreibstuben umgebaut und die bisherige „Partheyenstube“ samt Öhrn zu einem Ratssaal.
Der Rathausplatz war im Mittelalter ein See. In den 1980er Jahren wurde ein Holzstück ausgegraben von 1226/1237. Heute beträgt der Kanaldurchmesser 2,16 m und Durchmesser 1,6 m bis Forst.
Ausführliche Beschreibung von Stadtarchivar Albrecht Gühring:
Vor uns erschließt sich nun der Rathausplatz, das Zentrum des Dorfes. Früher war hier ein See, die o.g. Wette, der durch den inzwischen verdolten Weidenbach gespeist wurde. Er fließt neben der von rechts einbiegenden Alleenstraße. Unübersehbar ist das Rathaus mit seinem Dachreiter für die Rathausglocke (Rathausplatz 2). Der barocke Fachwerkbau wurde laut Balkeninschrift 1753 erbaut. Die heutige Ansicht des Erdgeschosses geht auf einen Umbau von 1863 zurück.
Das Gebäude Rathausplatz 4 links daneben ist das 1720 erbaute ehemalige Schulhaus, das 1788 einschneidend umgebaut wurde. Aus diesem Jahr ist im Erdgeschoss rechts etwas verborgen hinter Buschwerk eine Inschrift erhalten. Auch die Zahl 111 ist sichtbar. Vor 1930 waren die Gebäude nicht straßenweise, sondern durchgehend nummeriert.
Die ehemalige Peterskirche (Rathausplatz 8) heißt seit 1965 Ludwig-Hofacker-Kirche. Von der mittelalterlichen Vorgängerkirche sind außen die Grundmauern des Chors (vor dem Turm stehend rechts
unter dem Gebüsch) sowie im Inneren ein eingemauerter Christuskopf in kielbogiger Nische und der untere Teil des Turms mit Spitzbogen im Sockelgeschoss erhalten. 1780 wurde das oberste Stockwerk
des Kirchturms, das aus Fachwerk war, abgetragen und durch ein steinernes Stockwerk
und einen neuen Dachstuhl ersetzt.
Das heutige Kirchenschiff entstand 1811/12 nach Plänen des Ludwigsburger Landbaumeisters Kummerer. 1811 wurde mit dem Abriss der alten baufälligen Kirche begonnen. Zwischen dem ersten und zweiten
Turmstockwerk wurde das spätgotische „Kreuzgewölbe“ entfernt. Auch der nordöstlich gelegene Chor mit „steinerner Kreuzverreihung“, also ebenfalls einem Netzgewölbe, wurde abgetragen.
Die Einweihung des Neubaus fand im November 1812 statt. Die in der klassizistischen Formensprache errichtete Kirche hat eine streng symmetrische Gliederung mit zwei axialen Fensterreihen an den
Traufseiten und einen mittigen Turm. Der flach gedeckte schlichte Innenraum im Betsaalsstil hat eine dreiseitige Empore. Aus dem Vorgängerbau wurde die heute noch sehr sehenswerte Orgel
(Prospekt von1742) eingebaut.
Wenn man die Kirche, deren Inneres durch Renovierungsarbeiten 1910 und Mitte der 1960er Jahre stark nachteilig verändert wurde, besichtigen möchte, empfiehlt sich ein Anruf beim Evangelischen
Pfarrsekretariat. Neben der Kirche steht das stattliche Pfarrhaus (Rathausplatz 12). Es wurde 1743/44 über älterem Kern nach Plänen des Landbaumeisters Johann Adam Groß aus Winnenden erbaut. Das
Gebäude ist ein charakteristisches Beispiel eines barocken Pfarrhauses der Region, das über einem kleineren Gewölbekeller mit Rundbogentor und massivem Sockel, die wohl beide vom Vorgängerbau
stammen, als Putzbau errichtet wurde. Das Gebäude mit Krüppelwalmdach besitzt im Inneren
noch die weitgehend original überlieferte Grundrissstruktur mit großzügiger, zweiläufiger Treppe und Mittelflurerschließung. Früher waren im Erdgeschoss zwei Ställe, eine Mosttreterkammer, eine
Holzkammer und eine kleinere Kammer untergebracht. Im ersten Stockwerk befanden sich die Wohnstube und die Studierstube sowie vier weitere Zimmer, eine Küche und eine Speisekammer. Auf
dem Dachboden waren Fruchtböden. 1749 zeigte das fünf Jahre alte Haus schon Baumängel, indem ein Stück Küchenboden in den darunterliegenden Stall fiel. 1751 musste dieser Boden repariert werden,
da er „von dem Dampf, den das Vieh täglich von sich gibt, ganz morsch, faul und erstickt ist“. Das Kameralamt Marbach urteilte 1825: „Das [Pfarr-]Haus ist, nachdem eine bedeutende Reparation
daran vorgenommen wurde, in gutem Zustand, hat übrigens eine ungesunde Lage“. Besondere Bedeutung kommt dem Gebäude als Wohn- und Sterbehaus des bedeutenden pietistischen Theologen Ludwig
Hofacker zu, der hier seit 1826 wirkte und 1828 sein Leben beschloss.
Der Pfarrhof war früher ein geschlossenes Ensemble. In der Mitte vor Pfarrhaus und Kirche stand ein 1927 abgebrochenes Waschhaus mit zwei Backöfen, einem Waschofen und sogar einem Branntweinofen.
Von der Zehntscheune des Stifts Backnang sind nur die beiden Keller erhalten, denn sie wurde in den 1970er Jahren abgebrochen und durch das heutige CVJM-Haus ersetzt. Rechts, wo sich heute
Garagen befinden, war die Pfarrscheune angebaut.
Es folgt ein Film zur Ludwig-Hofacker-Kirche, den die Schülerinnen und Schüler der Quellen-Grundschule selbst gemacht haben. Klicken Sie auf zustimmen und es öffnet sich Youtube.
Kultur- und Heimatverein Rielingshausen e. V.
Vorsitzende:
Christiane Scheuing-Bartelmess, Tanja Wildermuth und Jens Knittel, Kassiererin: Claudia Pelz.
Sühnekreuz von Rielingshausen
Sage: Ein Fuhrmann überfuhr mit seinem Gespann eine Gans des Gänsehirten, und zwar ausgerechnet eine, die dem Schultheißen gehörte. Fuhrmann und Gänsehirt gerieten darüber in Streit und erschlugen sich gegenseitig.
